Wanderer im Labyrith der Gegenwart
Maralams Köpfe

MARALAM: zeitgemässes, lebendiges Theater

Maralam ist seit Jahrzehnten Drehscheibe und Plattform für kulturelle Zusammenarbeit und Verständigung zwischen SchweizerInnen und AusländerInnen. Maralam arbeitet mit den sinnlichen Mitteln der Performing Arts im weitesten Sinne und öffnet ungewohnte, phantasievolle Blicke auf gesellschaftliche Phänomene im Zusammenhang mit Fremden und Fremdem in Zeiten der Globalisierung. Globalisierung und Nationalismus, multikulturelle Gesellschaft und Identität, Diskriminierung und Gerechtigkeit, Rassismus und Menschenrechte sind in den letzten Jahrzehnten zu weltweit relevanten teils überstrapazierten Schlagworten geworden.

Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Themen nach wie vor und immer wieder enorme Zündstoffe für jede Gesellschaft bergen, welche die Gemüter quer durch alle Länder und Gesellschaftsschichten hindurch mannigfaltig bewegen. Die damit verbundenen Entwicklungen, die sich in laufend sich verändernden Situationen manifestieren, rufen sowohl auf privater wie politischer und künstlerischer Ebene immer wieder Fragen nach Heimat, Identität, nach Fremdem und Bekanntem nach Offenheit und Abgrenzung hervor.

MARALAM: Vom Umgang mit Fremdem

Der Umgang mit dem Fremden bedeutet für Maralam einerseits Umgang mit dem Fremden vor der eigenen Haustür, Hinterfragung, Prüfung, Konflikt, bedeutet andererseits Umsetzung von kreativen Vorgängen in verschiedenste Formen von Theater, von Medienarbeit, von Workshops, von Beratung und Planung für Institutionen und Ausbildungsstätten. Es sind vorab die diskrepanten Erfahrungen der Beteiligten und der transkulturelle Alltag mit all seinen Widersprüchen, hautnah erlebt und reflektiert, der uns anregt, Geschichten zu finden, Geschichten gemeinsam zu entwickeln und sie in vielfältigen Formen zu produzieren.

Die meisten Menschen sind fast überall auf dieser Welt Fremde.
Andererseits ist die Auseinandersetzung mit der Stellung im Ausland und im wahrsten Sinn des Wortes in der Welt in dieser Zeit des rapiden globalen Wechsels von ebensolcher Bedeutung. Die Stellung von Maralam in der schweizerischen Kulturlandschaft ist die einer Brückenbauerin und Initiantin von grenzüberschreitenden Projekten; ein Hybrid zwischen Kunst-Kulturwelt und verschiedensten kulturellen Lebenserfahrungen und Weltsichten.

MARALAM: Verwurzelung in der Zeitgeschichte

Spätestens seit dem Ende der Reisläuferei ist die Schweiz mit Ausnahme kurzer Perioden das klassische Einwandererland im Herzen Europas – mit immer wieder in allen vier Himmelsrichtungen durchlässigen Grenzen. So haben Frankreichs Hugenotten im 17. Jahrhundert die Uhrenindustrie des Landes begründet, italienische Habenichtse im 19. Jahrhundert den Eisenbahnbau mit seinen bahnbrechenden Alpendurchstichen ermöglicht.
Seit dem Ersten Weltkrieg ist Zürich zentraler europäischer Handelsplatz für Literaturrechte mit angloamerikanischen Ländern. Während des Zweiten Weltkriegs war Zürich das deutschsprachige literarische wie theatrale Zentrum Europas. Der Umgang mit jüdischen Flüchtlingen im Spannungsfeld von Politik, Landesverteidigung und humanitärer Tradition konfrontierte das Land mit existentiellen Fragen zu Grundwerten und Identität, welche bis heute andauern. Diese Jahre waren die Geburtsstunde einer Das-Boot-ist-voll-Ideologie, welche grossen universell wirkenden Schweizer Denkern und Machern wie Henry Dunant oder Jacob Burckhardt, Jean-Jacques Rousseau, Max Frisch, Johann Heinrich Pestalozzi, Johann Jakob Scheuchzer oder Leonhard Euler diametral gegenübersteht.

UngarInnen und TschechInnen brachten nach dem Zweiten Weltkrieg Fragen um Ideologie und Heimat verstärkt ins Bewusstsein. Einwanderer und Flüchtlinge aus Tibet, aus Vietnam/Kambodscha und aus Sri Lanka erweiterten die Das-Boot-ist-voll-Diskussion um Fragen nach aussereuropäischer Migration und Integration. Zusammen mit der Einwanderung und den Aufnahmeaktionen im Verlauf der Balkankonflikte erweiterten sich die weltumspannenden Fragen nach Krieg und Frieden, nach Heimat, Kultur, Verortung und Identität um den Aspekt von nichtchristlichen Religionen im lokalen Alltag.

Manche dieser GastarbeiterInnen, Flüchtlinge und Kulturschaffenden haben das Land irgendwann wieder verlassen. Andere sind hier sesshaft geworden. Viele haben sich einbürgern lassen. Über 20 Prozent der Wohnbevölkerung in der Schweiz sind heute AusländerInnen aus über 190 Nationen. Die damit verbundene Vielfalt von Menschen verschiedenster Nationalitäten, mit vielfältigem wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Hintergrund, hat uns mit einem kulturellen Reichtum beschenkt, der bis heute nur zum Teil ins Bewusstsein gedrungen ist. Solchen Stimmen und Stimmungen Ausdruck zu geben, hat sich Maralam zur Aufgabe gemacht.

MARALAM: Geschichte und Geschichten

Die erste Gründungsbegegnung fand 1984 auf einem Schiff statt – keinem Meerschiff, sondern auf einem kleinen Zürichsee-Kulturdampfer. StudentInnen der Schauspielakademie Zürich erarbeiteten im Rahmen ihrer Ausbildung unter dem Schauspiellehrer Louis Naef zusammen mit MigrantInnen ein kleines Erzählprojekt, welches auf den Wellen des Sees aufgeführt wurde. Daraus entstand ein Auftragsprojekt für die Caritas Schweiz um Flüchtlinge und MigrantInnen. Es trafen sich Ueli Blum, Peter Braschler und der tamilische Flüchtling Anton Ponrajah und weitere SpielerInnen in einer Kulturbaracke für ein Theaterprojekt ganz eigener Art. In Zusammenarbeit mit Flüchtlingen und Schweizer SpielerInnen entstand eine Produktion, die in der damaligen Zeit völlig neu war und ein unerwartet grosses Echo entfachte. Maralam war geboren, ohne dass die Macher das damals bemerkt hatten.

Ein charakteristisches Motiv, das sich in dieser Produktion zeigte, barg schon damals im Kern wichtige Motive und Strukturen für die weitere Entwicklung von Maralam. Die Notwendigkeit der Geschichten und der Ausgangspunkt vieler Arbeiten waren Menschen, die aus den verschiedensten Gründen hier in Zürich und in Europa wenig bis gar keine Chancen hatten, sich zu äussern, geschweige denn, sich im schweizerischen Kulturbetrieb zu etablieren.

Die weiterführenden Arbeiten bedingten bald die Frage nach professionelleren Strukturen. Die Entwicklung von neuen Produktionen und der Aufbau von schlanken, aber effektiven Produktionsstrukturen ging gleichzeitig einher. Der Einbezug von erfahrenen Persönlichkeiten aus Politik und Kultur als Berater und Türöffner – Jean Grädel, ehem. Leiter der Theaterhäuser Winkelwiese und Gessnerallee in Zürich, Abteilungsleiter Theater Tanz, Pro Helvetia; Heinz Haab, dem Begründer des Flüchtlingstages; Alfred A. Häsler, dem bekannten Publizisten u.a. Autor von Das Boot ist voll; Alt Bundesrat Hans Hürlimann; Otto Kümin, Präsident des Trägervereins Maralam; Francois Loeb, Alt Nationalrat; Alphonse Tarcissius, dem tamilischen Theatermeister und Mitarbeiter des BBC World Service; Felix Rellstab, Gründer des Neumarkttheaters Zürich und langjähriger Leiter der Schauspielakademie Zürich; die Autoren Hugo Loetscher und Franz Hohler und die Produzentin Hildegard Löhrer; – gab dem ganzen Unternehmen grossen Schub. In der Folge entwickelte sich nach und nach eine strukturelle Basis, welche die vielschichtigen Aktivitäten von Maralam ermöglichten und bis heute trägt.

MARALAM: Getragen von Schlüsselpersonen

Tragenden Persönlichkeiten in verantwortungsvollen Produktionsfunktionen ermöglichen immer wieder die vielfältigen Arbeiten Maralams: Anton Ponrajah, der tamilische Flüchtling und Mitbegründer Maralams, die IranerInnen Roya Ashrafabadi und Anoosh Ashrafabadi, der tamilische Theatermeister Ilakhootan, die Schweizer Theaterleute Peter Braschler, Otto Huber, Urs Graf, AutorInnen wie Johanna Lier, Ali al Shalah, Komponisten wie Matthias Hillebrand-Gonzalez, John Wolf Brennan, die Kooperationspartner Dr. Ali al-Shalah, Cecile Alvarez-Guidote, Edward Muallem, Avishai Milstein, Jan Weissenfels und SpielerInnen wie Beat Brunner, Liana Dschwanja, Georgij Vasiljew, Urs Häusermann, Adem Kicaj, Mehran Mahdavi, Shiva Mabood, Edward Muallem, Anton Ponrajah, Sonja Quarella, Dashmir Ristemi, Mirjam Wiggenhauser, DesignerInnen, wie Ueli Duttweiler, Barbara Mens, Emil Kapeljush, Stephan Schwendimann, Karin Süess und Petra Waldinsperger, ProduzentInnen wie Rudolf Albonico, Gaby Bernetta und Hildegard Löhrer, Grafiker wie Christian Tobler, Hadi al-Abudi und viele weitere SpielerInnen, DesignerInnen, KomponistInnen, MusikerInnen und ProduzentInnen. Sie alle prägen die Entwicklung von Maralam und geben unverwechselbare Stimmen und Farbe für unterschiedlichste Produktionen und Programme. Sie befruchten Maralams Aktivitäten in einem weit verzweigten Netzwerk, welches in die verschiedensten Communities hinein reicht.

MARALAM: Theorie – Diskrepante Erfahrung + Essentialismus (Edward Said)

Alle Erfahrung, obwohl sie einen unreduzierbar subjektiven Kern besitzt, ist auch historisch und säkular. Sie ist daher auch der Analyse und der Interpretation zugänglich. Sie kann nicht ein für allemal von doktrinären Theorien oder nationalen Grenzen vereinnahmt werden und auf analytische Konstrukte hin beschränkt bleiben. Dasselbe gilt auch für diskrepante Erfahrung von verschiedensten kulturellen Hintergründen.

Wenn man im Voraus annimmt, dass die afrikanische, arabische, chinesische, westliche, die christliche, islamische, jüdische oder buddhistische Lebenswirklichkeit grundlegend integral, kohärent,separat und deshalb nur für Afrikaner, Araber, Chinesen, Westler , Christen, Muslime, Juden oder Buddhisten verständlich ist, postuliert man etwas als essentiell; nämlich die Existenz von Afrikanertum, Arabertum, Chinesentum, Europäertum, Christentum, Islamtum, Judentum, Buddhistentum. Mit dieser Art von Essentialismus und Ausschliesslichkeit degradiert man die Erfahrung Anderer und schliesst die Möglichkeit aus, diskrepante Erfahrungen als historisch geschaffene Erfahrung und als Ergebnis von Interpretation zu erschliessen.

Sofern wir jedoch gleich anfangs die verknoteten und komplexen Geschichten besonderer, aber dennoch einander überschneidender und miteinander verknüpfter Erfahrungen anerkennen – von AfrikanerInnen, AraberInnen, ChinesInnen, VertreterInnen des Westens, VertreterInnen von Nationalstaaten, Kulturen und Religionen – erlischt der Anreiz, allem und jedem einen ideellen und seinem Wesen nach separaten Status einzuräumen. Und doch möchten wir das Einzigartige an ihnen ebenso festhalten, wie wir ein Gefühl der menschlichen Gemeinschaft und der tatsächlichen Kämpfe, die zu ihrer Bildung beitragen und deren Teil sie allesamt sind, festhalten möchten.

Geschichten heilen: Die guten wie die bösen. Sie erklären für einen Moment die Welt.

Für Maralam ist eine vergleichende oder, besser, kontrapunktische Perspektive im Arbeitsprozess erforderlich, um diskrepante Erfahrungen gemeinsam zu interpretieren, welche jeweils ihre eigene Gewichtung und Entwicklungsgeschwindigkeit haben, welche eigentümliche innere Bauelemente, innere Kohärenz und ein spezifisches System äusserer Beziehungen haben, die allesamt koexistieren und mit anderen interagieren. Diese Ansätze haben die konkreten Arbeiten von Maralam bis heute geleitet und inspiriert.