Analyse

Die Recherche- und Vorbereitungszeit mündet in einer vertieften Analyse des Originalbuches, ersten konzeptionellen Ansätzen und dramaturgischen Umsetzungsversuchen des Autors Aleksandr Obraszow. Die Struktur des Buches wird in innere und äussere Abläufe zerlegt. Die einzelnen Elemente daraufhin auf eine theatralische Umsetzung hin geprüft.
Ausschnitt Ablaufübersicht
Ausschnitte: Skizze innere Struktur des Originalbuches
Ausschnitt Ablaufübersicht

Ansatz 1 – Eine theatralische Annäherung aus West und Ost

Es gefällt mir, dass das Volk meines Landes so leere und vorstehende Augen hat. Es erfüllt mich mit dem Gefühl legitimen Stolzes. Man stellt sich die Augen vor, wie sie dort sind, wo man alles kaufen und verkaufen kann … tief in ihren Höhlen versteckte, verborgene, habgierige und verängstige Augen… Wenedikt Jerofejew.
Die Welt verändert sich atemberaubend schnell, grosse Ideologien sind zusammengebrochen. Wir MitteleuropäerInnen wähnen uns auf der Siegerseite. Wie also umgehen mit einem Text eines Autors aus der ehemaligen Sowjetunion, der Verliererin im Wettstreit der Ideologien? Was hat Jerofejew uns zu sagen? Was erzählen uns die tief in ihren Höhlen versteckten, verlogenen, habgierigen und verängstigten Augen all derer, die hier bei uns zwischen die weiten, löcherigen Maschen des Systems gefallen sind?
Zwei Welten reiben sich in diesem Stück: eine Alltagswelt, beherrscht von gesundem Menschenverstand und verrückten Realisten und eine radikale innere Welt eines Individuums, das im Delirium den Zustand der Welt klarer zu sehen scheint als im nüchternen Zustand. Russisch- und deutschsprachige Theaterleute, aufgewachsen und ausgebildet in völlig verschiedenen Welten, wagen den Versuch die Grenzen der Verträglichkeit von unterschiedlichen Sprachen, Theatertraditionen, Ideologien und Weltbildern abzutasten, zu erforschen und zu erspielen.

Ansatz 2 – Blaupause zur Entwicklung des Theaterstücks

Die Grundhandlung des Textes bildet ein Tag im Leben Ich-Erzählers Wenedikt (Wenja), an welchem er versucht, mithilfe eines Vorortzuges zu seiner in der kleinen Stadt Petuschki lebenden Geliebten zu gelangen. Im Verlaufe dieser Zugfahrt betrinkt sich der Held zusehends, und damit werden auch die Schilderungen immer surrealistischer.
Während der Reise tauchen historische Gestalten und zum Ende zunehmend auch monströse Fabelwesen – wie die griechische Sphinx – auf. Schließlich senkt sich apokalyptisch anmutende Dunkelheit herab, und Wenja, der nach dem Getümmel des Ein- und Aussteigens an einem der Bahnhöfe unbemerkt im falschen Zug sitzt, fährt nach Moskau zurück. Am Startpunkt der Reise wieder angekommen, wird der nun vollends verwirrte Held von düster anmutenden Gestalten überfallen, brutal misshandelt und letztendlich umgebracht.
Die Grundkonstellation der Personen ist eine hervorragende Blaupause zur Bestimmung der Schauspielfiguren. Formal wie inhaltlich sieht sich der Leser mit einem außerordentlich komplexen und bizarr anmutenden Werk konfrontiert, das ihm tiefe Einblicke in die Gedankenwelt des Protagonisten gewährt; tatsächlich verlässt der Leser diese zu keinem Zeitpunkt. In seinen gedanklichen Monologen kommentiert der Alkoholiker auch auf erschreckende und humorvolle Weise das Sowjetsystem.
Alle auftretenden Personen scheinen Alkoholiker zu sein oder zumindest Alkohol zu konsumieren und in der Tristesse der sowjetischen Dürre dahinzusiechen. Dem Leser begegnen sie ausschliesslich durch Wenja und seine Befindlichkeiten selbst, sei es durch Erinnerungen, seine monologhaften Schilderungen oder inneren deliriumhaften Wahrnehmungen. Im collageartigen Text sind sowohl Parteislogans wie auch Anspielungen auf Kunst, insbesondere auf die europäische Literatur und Musik, zu finden, auch wird die christliche Bibel oft zitiert.

Ansatz 3 – Zweisprachigkeit

Die beiden Sprachen Deutsch und Russisch erfüllen in der Inszenierung zwei verschiedene Funktionen. Der Text, den Wenja, die Hauptfigur, auf Deutsch spricht, bildet sozusagen den Rohbau oder das Gerüst der theatralischen Erzählung. Die darin eingebetteten russischsprachigen Figuren werden in der Imagination jedes einzelnen (deutschsprachigen) Zuschauers unwillkürlich und – das ist das Spannende – individuell übersetzt; ergänzt und gefördert durch einen spezifischen Spielstil der DarstellerInnen.
Und umgekehrt: wenn das Stück in Russland gespielt wird, können die Monologe Wenjas erraten werden, denn diese sind dann quasi die verfremdet wahrnehmbaren Hauptinstrumente des Orchesters. Oder ein anderer Vergleich: Wenn man sich eine antike Vase mit abgeschlagenem Hals und Boden vorstellt, so übernimmt der sichtbare Teil eine zweifache Verantwortung: für sich und für den abgeschlagenen Teil.

Ansatz 4 – Wandlungsfähige SpielerInnen

Als ein armes Theater und von oben beschriebenen Grundstrukturen ausgehend ist sehr schnell klar, dass das Stück mit wenigen, dafür umso wandlungsfähigeren SchauspielerInnen umzusetzen ist. Die beiden russischen SchauspielerInnen Liana Schwanja und Georgi Wassiljew, sowie der Schweizer Oscar Bingisser und später Anush Ashrafabadi bei der Übernahme für die Russlandtournee bilden das Ensemble.
Liana Schwanja, ausgebildet an der Theaterhochschule St. Petersburg in den Klassen von Prof. S.J.Korogodski und L.A. Dodin und langjähriges Ensemblemitglied des renommierten Theaters der Jugend in St. Petersburg mit über vierzig Hauptrollen, übernimmt alle weiblichen russischsprechenden Figuren und den schwarzen Engel.  Georgi Wassiljew, als Schauspieler ausgebildet an der Theaterhochschule unter M.S.Schepkin in Moskau, als Regisseur in der Theaterinstitution Lunacharsky, übernimmt alle russischsprechenden männlichen Figuren und den zweiten schwarzen Engel. Oscar Bingisser, ausgebildet an der Schauspiel-Akademie in Zürich - unter anderem tätig am Schauspielhaus Zürich unter Regien von Gerd Heinz, Werner Düggelin, Jürgen Flimm, Ari Zinger, am Theater für den Kanton Zürich unter Dr. Spörri, sowie tätig als freischaffender Schauspieler im Theater und Film übernimmt den Part des deutschsprechenden Wenja. Für die Russlandtournee übernimmt Anush Ashrafabadi die Rolle des Wenja. Durch sein Aussehen ergibt sich aus russischer Sicht eine zusätzliche Assoziationsebene der innerrussischen Konflikte um die Kaukasus-Republiken.  
Bühnenbildner, SchauspielerInnen, Autor, Regisseur des Teams Moskau-Petuschki
Bühnenbildner, SchauspielerInnen, Autor, Regisseur des Teams Moskau-Petuschki

Umsetzung 1 – Grobkonzept Aleksandr Obraszov

Fax erstes Grobkonzept
Grobkonzept Obraszow

Umsetzung 2 - Erste Szenenentwürfe

Erste Strukturen und Szenen von Aleksandr Obraszow entstehen. Übersetzungen ins Deutsche folgen und ein komplexes Hin- und her zwischen Entwürfen auf Russisch und Deutsch beherrscht im Vorfeld der Proben die künstlerische Arbeit.
erste Szenenentwürfe
Script Russisch, Teil 1
erste Szenenentwürfe
Script Russisch, Teil 2

Umsetzung 3 – Figurenstruktur Wenja

Wenjas Figurenstruktur und Bandbreite bewegt sich vom abgrundtiefsten Punkt der Verzeiflung und des Deliriums bis zur euphorischen Hoffnung des Lichts und der Erlösung.
Wenja auf Figurensuche