Video: 6 Min 56 Sek | 88.4 MBWenedikt Jerofejew

Zu seinem Leben und Schreiben. Jerofejew und sein Umfeld erzählen

Aleksandr Obraszow: über das Leben von Wenedikt Jerofejew

Am 24. Oktober 1938 wurde Wenedikt Jerofejew in Chibini, einer Siedlung im Murmansker Gebiet, geboren. Von seinem Vater erbte er den Charakter von seiner Mutter den Intellekt. Er war das jüngste Kind in der Familie eines Fahrdienstleiters.
Beide Eltern stammten aus dem gleichen Dorf im Wolga-Gebiet. Auf der Suche nach einem Lebensunterhalt waren sie auf die Halbinsel Kola gelangt. Bei Kriegsbeginn wurde die Familie zunächst  nach Archangelsk, dann im September 1941 ins heimatliche Dorf Elochante an der Wolga evakuiert. Im darauffolgenden Winter wurde Wenedikts Grossvater verhaftet und als Volksfeind erschossen. Den Jerofejews wurden daraufhin sogar die Brotkarten verweigert, sie überlebten dank gefrorener Kartoffeln, die sie aus den schneebedeckten Feldern ausgruben.
Jerofejew als junger Mann
Im Herbst 1943 kam der Vater seine Familie abholen. Wenedikt musste bei den Kontrollen unterwegs versteckt werden, da für ihn kein Passierschein ausgestellt worden war. Der Grossvater mütterlicherseits war Kirchendiener, starb früh und hinterliess 5 Mädchen, welche dann im Haushalt des Pfarrers grossgezogen wurden. Wahrscheinlich dort las Wenedikts Mutter den Grossteil der Bücher über russische Geschichte und Literatur, deren Inhalte sie später ihren Kindern erzählte. Unter den russischen Schriftstellern liebte sie Tschechow am meisten.
Jerofejew
Nach Kriegsende wurde der Vater verhaftet. Als man den sechsjährigen Wenja fragte, was er denn die ganze Zeit schreibe, antwortete er jeweils sehr ernsthaft: Aufzeichnungen eines Verrückten. Seit diesem Zeitpunkt schieb er ein Leben lang daran.
Er schloss die Schule 1955 mit einer Goldmedaille ab und studierte an der Philologischen Fakultät der Lomonossow-Universität in Moskau. Dort begann er mit den Aufzeichnungen eines Psychopathen, die seinen Kommilitonen als nicht regelkonform geschrieben erschienen. Wenja benahm sich sein Leben lang nicht regelkonform. Nach seiner Relegation von der Universität wegen Versäumens von Wehrübungen 1957 besuchte er zunächst kurz das Pädagogische Institut in Wladimir, wurde aber als Anführer einer Studentengruppe namens Die Popen bald der Stadt verwiesen.
Jerofejew
Dadurch war er gezwungen, verschiedene Aushilfstätigkeiten anzunehmen: In Kolonina arbeitete er als Lastenträger in einem Lebensmittelgeschäft, als Hilfsarbeiter auf der Baustelle Tscherjomuschki in Moskau, bei einer Rückgabestelle für leere Alkoholflaschen und als Bohrer bei einem geologischen Team in der Ukraine. 1962 gelangte er zur Kabelverlegestelle des Nachrichtennetzes, dort blieb er 10 Jahre. Und immer hatte er wenig Geld. Erst 1988 ging es ihm besser. Seine Schwester Tamara  erzählte, mit welcher Freude er ihr das erste teure Geschenk machte: Eine Dose Kaffee und eine geräucherte Wurst.
Jerofejew
Während der ganzen Zeit füllte er eine grosse Zahl von Notizbüchern, in denen er trocken und pedantisch die durch sein Herz gefilterte, schmutzige, verlogene, unglaubliche, sowjetische Wirklichkeit festhielt. Er schrieb Die gute Nachricht, dann die Erzählung Die Reise nach Petuschki. Diese eroberte sofort den Samisdat und danach auch Europa. Zwei Jahre später war der Roman Dimitrij Schostakowitsch beendet, dessen Vorlage, wie es scheint, für immer verloren ging. Ein Jahr später, 1973, schrieb er den Essay Mit den Augen eines Exzentrikers, der in Form eines Gesprächs mit Wassilij Rasanow  gestaltet ist.
Jerofejew
Man nimmt an, dass sich Jerofejew bewusst war, dass er sein bedeutendstes Buch bereits geschrieben hatte. Dieser Umstand spielt eine entscheidende Rolle in seinem weiteren Schicksal. 1974 reist er als Laborant mit einer parasitologischen Expedition nach Mittelasien. In dieser Zeit schreibt er die brillante Essaymontage Meine kleine Leniniana. Ein weiterer literarischer Versuch war das Stück Walpurgisnacht, oder die Schritte des Kommandanten. Das Stück wure zwar einmal mit grosser Beachtung, in Moskau aufgeführt, aber nur wegen der allgemeinen Achtung die dem sterbenden Autor entgegengebracht wurde.
Jerofejew
So hart es klingt , so ist doch zu sagen, dass Jerofejew seinen Beitrag an die Ewigkeit 1970 geleistet hat. Wenedikt Wassiljewitsch Jerofjew starb am 11. Mai 1990 nach seiner zweiten Krebsoperation. Bald darauf starb auch seine Frau Galina.
Jerofejew vor seiner Kehlkopfoperation
Übersetzung: Lisa Stutz